Theater und Theatralität in der Predigtkunst bei António Vieira



Baixar 50.6 Kb.
Encontro05.07.2018
Tamanho50.6 Kb.




Theater und Theatralität in der Predigtkunst bei António Vieira

Pedro Paulo Alves Pereira

„Das Leben von Pater António Vieira war nicht eine Komödie, sondern ein Drama voller Ereignisse“ waren die Worte von José Van Besselaar 1. Manchmal erreichte es sogar die Dimension einer antiken Tragödie, in der er eine faszinierende Charakterrolle spielte. Seine vielseitigen Talente setzte er in den Dienst der Krone ein und suchte als Humanist, Diplomat, königlicher Berater und natürlich als Mitglied des Jesuitenordens nach Lösungen, um Portugal und Brasilien aus der Krise zu führen.

Oft polarisierte er die Meinungen und erntete auch Feindschaften. In Zeiten der Gefahr eines bevorstehenden Krieges mit Kastilien und den Niederlanden waren diplomatische Bemühungen dringend notwendig. Er war bestrebt, mit den Niederlanden einen Friedensvertrag auszuhandeln, um sie als Verbündete gegen Spanien zu gewinnen, selbst um den Preis, dafür Pernambuco den Niederländern überlassen zu müssen.

Vieira, ein großartiger Akteur der Bühne des Lebens, hinterließ uns ein unvergleichliches Lebenswerk. Er diente als Diplomat an verschiedenen europäischen Höfen. Eloquent, Moralist, Visionär, fortschrittlich, wissbegierig, ein Philosoph, Politiker, Theologe, Fürsprecher der Rechte der Indios und der schwarzen Sklaven. Engagiert in der Sache des Erhalts der Unabhängigkeit, benutzt politisch die Prophezeiungen von Bandarra2, um an den nationalen Stolz der Portugiesen zu appellieren und zu beweisen, dass König João IV. die Wiederfleischwerdung des verschollenen Königs Sebastão war. Fest überzeugt von der Gerechtigkeit dieser Prophezeiungen, bemüht er sich diese philosophisch zu behandeln und kombiniert sie mit Exzerpten aus der Bibel und den Prophezeiungen von Frei Gil de Santarém, um zu demonstrieren, dass der „Encoberto“ und der Monarch ein und dieselbe Person sind. Er erklärt, dass, wenn der Herzog von Bragança sich nicht bereits früher als König zu erkennen gegeben hat, es nur aus dem Grund geschah, weil das richtige Moment nicht gekommen war:
“[...] Mas ainda que concedamos que os Portugueses não souberam esperar, não lhes neguemos que souberam amar, e com muita ventura; que talvez buscando a um rei morto, se vêm a encontrar com um vivo. Morto buscava a Madalena a Cristo na sepultura, e a perseverança e amor com que insistiu em O buscar morto, foi caua de que o Senhor lhe enxugasse as lágrimas, e se lhe mostrasse vivo. [...]”
“Sermão dos Bons Annos”, Königl. Kapelle, Lissabon, (Sermões, Band 1, [Vol. I-II-III], S. 393)3
Wegen seiner utopischen Haltung könnte man ihn in eine Reihe mit den Philosophen seiner Zeit stellen. Erinnern wir uns an Giordano Bruno, Campanella, und andere, oder an die esoterischen Tendenzen von Bacon und Locke.

Ein anderes Beispiel für sein diplomatisches Können: Die leere Staatskasse sowie die Notwendigkeit, altgediente Karavellen durch größere und moderne Schiffe zu ersetzen und damit den Handel in Übersee voranzutreiben, um den Erhalt des portugiesischen Imperium zu garantieren, erforderte dringend größere Kredite. Aus diesen Gründen nutzte er seine diplomatischen Reisen in die Niederlande, um dort mit der portugiesischen jüdischen Gemeinde Kontakte zu knüpfen, in der Hoffnung eine Handelsgesellschaft unter Beteiligung reicher jüdischer Kaufleute, die jedoch aus Glaubensgründen von der Inquisition außer Landes gejagt worden waren, zu gründen.

Die Art der Kontakte, die dabei entstanden, spricht für ihn als Humanist. Jedoch in einer Zeit der Gegenreformation war es für Vieira sicherlich sehr schwierig, den Spagat zwischen der Gehorsamkeitspflicht seines Ordens und seiner toleranten Haltung zu vollführen. Vor dem Heiligen Offizium bekam er sogar wegen dieser Toleranz Probleme. Aber welcher Intellektuelle hatte nicht Probleme mit dieser finsteren Institution der Katholischen Kirche? In der Zeit der Gegenreform war ihr Wirken auf der Iberischen Halbinsel so ungeheuerlich, dass man beinahe sagen könnte, man musste Gotte vor ihr schützen.
Seine Biographie ähnelt einem Theaterstück, dessen Vorgänge sich in seinem polygraphischen Werk widerspiegeln.

Jede der von ihm behandelten Themen und Thesen reflektierten seine Vitalität und Begeisterung und mit Leidenschaft engagiert er sich für die Probleme seiner Mitmenschen. Das Spektrum der von ihm behandelten Materien war breit gefächert; er konnte über Logik oder Physik diskutieren, aber auch über Mathematik, Ökonomie, Kriegsstrategie, Metaphysik und vieles mehr. Von den verschiedenen Schulen (unter anderen platonischen, aristotelischen, ambrosianischen, augustinischen und thomistischen) erhielt Vieira Anstöße für seine Thesen, welche auf scholastische, metaphorische, expositive oder historische Weise vermittelt werden konnten.“4.

In „Chave dos Profetas“ schreibt Margarida Vieira Mendes, dass sein Werk „in unterschiedlicher Art und Weise die Essenz seiner Persönlichkeit und seines Lebens“ widerspiegelt5. Die selbe Literaturwissenschaftlerin machte bereits in einem früheren Werk “A oratória barroca de Vieira” eine ähnliche Bemerkung, nämlich, dass Vieiras vitale Energie aus existenziellen und textuellen interaktiven Quellen entsprang6.

Vieira konnte realistisch, moralistisch, formell oder auch expressiv sein und ob in der Predigt und in der Epistolographie, oder in den messianischen und prophetischen Texten, widerspiegelt es ein leidenschaftliches Temperament und einen utopischen Idealismus.


Wegen seiner scharfen analytischen Fähigkeit und seiner herausragenden Kenntnisse der lateinischen Sprache, wird Vieira bereits im jugendlichen Alter von achtzehn Jahren von den Patres mit dem Verfassen des Berichts für den Pater-General des Ordens über den niederländischen Angriff auf Bahia am 8. Mai 1624 und die folgende Verteidigung der Stadt, beauftragt7, welcher gemeinsam mit den Ereignissen des nachfolgenden Jahres in dem Brief “Ânua da Província do Brasil 1626” zusammengefasst wurde.

In präzisen Zeilen beschreibt Vieira die 'teuflischen' Kräfte des niederländischen Invasors sowie den von Portugiesen errungenen Sieg, als handelte es sich um einen Kreuzzug eines auserwählten Volkes der modernen Zeit gegen die Feinde des Glaubens:


„Vendo os da cidade o inimigo, botaram uma manga de duzentos ou trezentos arcabuzeiros, que de repente os acometeram, estando descuidados de tal ousadia; saiu logo cada um com as armas que a pressa lhe ofereceu, e investiram os mais com piques. Os inimigos, disparando os arcabuzes, se iam retirando para a porta da cidade, e os nossos seguindo-os...”
(Cartas, I, S. 41)8
Nach dem Noviziat widmet sich Vieira begeistert, gemeinsam mit anderen Ordensbrüdern in den von ihnen gegründeten Dörfern, dem Katechisieren der Indios, und wie viele andere Jesuiten folgt auch er den Spuren des großen Gönners und Förderer des Theaters in Brasilien Pater José de Anchieta, indem er, um die Kommunikation mit den Einheimischen zu erleichtern, einige Dialoge in Tupi-Guarani schreibt.

Ohnehin sollte, laut Befolgung der Philosophie des Ordens, den Indios bei ihrer Bekehrung zum Christentum Wissen vermittelt werden, welches ihnen helfen sollte, die Laster und Sünden zu bekämpfen. Der Gewinn der Seelen der Einheimischen für die Ideale der katholischen Kirche und ihre Erziehung wurde als ein Akt der Barmherzigkeit verstanden. Den „Ignoranten“ das Lesen und Schreiben beibringen, war also ein Akt der Menschenliebe.

Unter Anleitung seiner Professoren und insbesondere seines Philosophiemeisters Pater Paulo da Costa, erlernt und entwickelt er seine ausgeprägte Fähigkeit, in den unterschiedlichsten Metiers zu argumentieren, wovon später seine Predigten zeugen9. Vieira war ein brillanter Student, und als er 1638 seine akademische Ausbildung der Philosophie und Theologie beendet, besitzt er bereits den Ruf eines eloquenten und gebildeten Rhetorikers.

Satire als didaktisches Mittel

Die Programminhalte basierten auf dem so genannten 'Ratio studiorum'10, welches wiederum den Regeln des römischen Collegs angelehnt war, wonach man sich zuerst mit Latein und Griechisch beschäftigte und anschließend mit den Naturwissenschaften. Man sollte die praelectio (prae-legere) der Antikautoren nachahmen, das heißt sie erklären. In diesem Sinne nahm Viera in Sachen Ironie Sokrates als Vorbild, der die Ironie als pädagogisches Mittel lehrte, um dem Dialogpartner durch scheinbar selbstständiges Erkennen die eigene Widersprüchlichkeit bewusst zu machen. Eine Methode, die Cicero in seinem „De Oratoria” (Liber III) wieder aufnimmt, als er den griechischen Begriff “eironeia” (ειρωνεία – altgriechisch) durch das Wort “dissimulatio” übersetzt: “alia dicentis ac significantis dissimulatio”. Somit meinte er eine rhetorische Figur, wodurch das Gegenteil des Gesagten zum Ausdruck gebracht wird. Mit scheinbarer Ernsthaftigkeit zieht die Ironie den gegnerischen Standpunkt ins Widersprüchliche und schafft einen Raum der Ambivalenz, eine „Dialektik des Oxymorons“11.

Schüler der jesuitischen rhetorischen Schule, belegen seine Predigten, gespickt mit unzähligen literarischen, philosophischen und theologischen Referenzen, diese Tradition. Die Predigtkunst war für ihn unter anderem auch ein Mittel der politischen und sozialen Kritik. Sie konnte subtil aber auch sehr direkt sein und deshalb moralisierend wirken. Dadurch rückt die paranetische Funktion seiner Predigt manchmal in den Hintergrund und statt der Vermittlung zentraler Wahrheiten im Stil der erbauenden Literatur, produziert Vieira eine inhaltliche Polyvalenz, welche er sowohl als erbauenden Akt, als auch politisches Vehikel seiner Thesen verwendet12. In diesem Sinne bilden seine Predigten einen sprachlichen und ideologischen Raum, welche manchmal die politische und Sozialsatire berühren. Seinen Diskurs richtete er oft gegen die Machthabenden und andere Privilegierte.

Von der Kanzel herab tadelte er unter anderem: die Interessenspiele und Machenschaften der Besitzer von Zuckerrorplantagen in Brasilien, die sich an der Sklavenarbeit bereicherten; die Offizier, die sich im Fall von Pernambuco nicht im erforderlichen Maße gegen die Niederländer eingesetzt hatten; die Beamten, die ausschließlich an persönliche Bereicherung dachten; die Höflinge in Lissabon, die nur an ihren Privilegien interessiert waren; sowie die Inquisition, die durch ihre allgegenwärtige Macht alle Teile der Gesellschaft in Atem hielt. Die Kanzel wurde zu seiner politischen Tribüne gegen galoppierende Korruption, Nepotismus bei der Erteilung von Privilegien, Raffgier und Egoismus vieler Mächtigen. Aber sie wurde auch ein Ort der Utopie und der Hoffnung als Vieira über die neue Dynastie und über die Zukunft Portugals sprach. Und obwohl er für die Einheit des kolonialen Imperiums plädierte, unterließ er keine Gelegenheit, das kolonialistische Verhalten vieler Beamten aus der Metropole zu kritisieren und sogar zu spotten.


António Vieira einer der sprach- und redegewandtesten Autoren des Barocks, strebte, im Gegensatz zu anderen Predigern, die sich häufig mit einer übertriebenen Affektiertheit von der Kanzel an die Gläubigen wandten, nach einem intelligenten, gepflegten und klaren Stil. Durch verschiedene Sprachprozesse und einen zielsicheren satirischen Blick traf er den Kern der Dinge. Durch die Sprache erzeugte er Gefühle bei den Zuhörern – man kann hier über eine syllogistische Struktur des Gefühls sprechen, die aus amplificatio (diskursive Erweiterung) und diminutio (diskursive Einengung) besteht –; durch eine gründliche Ansammlung von exempla, und die dialektische Ordnung der dispositio sorgte er für ein besseres Verständnis; und nicht zuletzt durch die Nutzung von Antithesen, Beweisbarkeit des Behauptens, linguistischen Paradigmen, Anwendung der Homonymie, Korrespondenz und symmetrischen Aufbau der Sätze ergänzte er die metalinguistische Funktion bei der Verleihung von Sinnbedeutungen (Mendes, 1989: 453).

Darüber hinaus sagt Helmut Siepmann: „Trotz des rigorosen Aufbaus seiner Predigten richtet Vieira seine Überzeugungstätigkeit als Redner weniger auf den Verstand als auf die Imaginationskraft seiner Hörer. Sie gilt es zu beeinflussen.“13.

Das heißt, Vieira vermochte seine Zuhörer durch plausible und eloquente Argumente zu überzeugen.

Die Überzeugung der Zuhörer wurde nicht mit Hilfe einer auf Fakten oder ethischen und philosophischen Prinzipien basierenden logischen Argumentation erreicht, sondern in erster Linie durch ein einfaches Bild. Vieira plädierte angesichts des Bedürfnisses nach Verständlichkeit und Lebendigkeit einer Predigt für die Auswahl bestimmter Sätze, die dann zu einer Art Allegorie umfunktioniert werden sollten. Ein Bild wäre also die Vergegenwärtigung von Worten in ihrer sensorischen Wahrnehmung mit dem Ziel, einen abstrakten Gedanken sinnlich zu gestalten. Als „konzeptistischer“ Autor14, um die Bezeichnung António Sérgio's anzuwenden, bediente er sich Bildern, Parabeln und Metaphern, um die Vorstellungskraft seiner Zuhörer zu stimulieren und sie somit für die Bedeutung des Heiligen Wortes zu sensibilisieren. Durch ein einfaches Bild versuchte er eine moralische Lehre zu erklären, wofür es kein logisches Argument gibt.

Vieira baute seine Argumentationen hauptsächlich auf biblischen Texten (Altes und Neues Testament), Texten von Konzilien, bedeutender Theologen sowie von klassischen Autoren der Antike auf, die in der Ausbildung der Jesuiten angewendet wurden und deshalb als Autorität in Sachen der Lehre galten.

Die voraus selektierten Sätze sollten durch einen Kunstgriff zur Allegorie oder zu einem Symbol werden und somit im Wesentlichen zur Formierung des Gedanken beitragen. Es handelt sich also um eine Argumentationstechnik, die auf der Annahme beruht, es gäbe eine natürliche Korrespondenz zwischen den biblischen Texten und den moralischen Wahrheiten. Im Dienste der Argumentation sollte versucht werden, durch ausgesuchtes Vokabular oder durch die Struktur des Satzes einen Eindruck entstehen zu lassen, als wären die biblischen Sätze eine Widerspiegelung der erlebten Realität oder umgekehrt.

Das Verhältnis zwischen dem einen und dem anderen wird normalerweise durch eine Analogie bzw. Ähnlichkeit verursacht. Diese Sprache ist hoch theatralisch und dient nicht nur dem Transport von Ideen. Sie soll auch ein Vehikel werden, um diese Ideen plastisch darzustellen. Die Sprache ist sowohl „Rohstoff“ als auch Energiequelle von Kommunikation; sie soll auf die Zuhörer wirken und sie beeinflussen. Und wie Vieira in seiner Predigt „Sermão da Sexagéssima“ sagt, wird vom Prediger erwartet, dass er diesen Vergleich findet und zeigt.
Es handelte sich hier in gewisser Weise um einen gründlichen Gebrauch sowohl von Techniken der dramaturgischen Analyse bis zu denen, die sich mit der Schauspielerei befassen. Neben dem Auswendiglernen von Reden wurde er vertraut gemacht mit dem Einstudieren der Körpersprache (Gestik, Körpergestus, Gesichtsausdruck) sowie mit der Modellierung der Stimme. Das Studium der Poesie kam gleich nach dem Studium der Grammatik. Vieira hatte sich in den Geheimnissen der Sprache, in den verschiedenen Rhythmen und in den Kadenzen ausprobiert, um zu lernen, wie durch die Magie der Tonlaute am besten eine Emotion erzielt werden kann15. Heute würde man dies als Sprachgestus bezeichnen. Und wenn wir uns die ganze Theatralik, die die Predigten umgab, den direkten Kontakt mit den Zuhörern/Zuschauern, die ausgewählte Gestik und Mimik vorstellen, dann fällt es uns nicht schwer, an große theatralische Vorstellungen zu denken.

Wie andere Prediger, erhielt auch er eine beinahe praktische Theaterausbildung, die er mit großer Akribie synthetisiert, wobei er darüber hinaus geht und neue Anstöße für die Predigtkunst formuliert. So ist es, dass er z.B. im III. Kapitel seiner Predigt „Sermão da Sexagéssima“ sich mit dem Prinzip der Kommunikation zwischen dem Werk (Bibel), dem Schauspieler (Prediger) und dem Publikum (Zuhörer) auseinandersetzt, was in der modernen Sprache der Schauspielkunst nichts anderes bedeutet, als wahrhaftig und überzeugend auf der Bühne zu sein, um den Zuschauer/Zuhörer besser und intensiver zu erreichen.

Dabei kritisiert er die Prediger, die die Schuld den Zuhörern geben, wenn diese den Inhalt ihrer Predigten nicht begreifen und vertritt stattdessen die Auffassung, dass alles von der Art und Weise abhängt, wie der Prediger das Wort Gottes vermitteln kann:
“[...] Os pregadores deitam a culpa aos ouvintes, mas não é assim. Se fora por parte dos ouvintes, não fizera a palavra de Deus muito grande fruto, mas não fazer nenhum fruto e nenhum efeito, não é por parte dos ouvintes. [...]”
„Sermão da Sexagéssima“, 1655, Königl. Kapelle, Lissabon (in Sermões, Band 1 [Vol. I-II-III], S. 79)
Nichts anderes besagen die Konzeptionen großer Erbauer des modernen Theaters, wie Appia, Craig, Stanislawski, Nemirowitsch-Dantschenko, Wachtangow, Meyerhold, Brecht, Artaud, Strasberg, Brook, Barba. Nicht das Publikum ist schuldig, wenn die Fabel nicht deutlich wird, sondern die Theatermacher (in diesem Fall die Prediger).

Auch wie die Großen des Theaters plädiert bereits Viera für ein erforderliches höchste Niveau der Darstellung. Beinah könnte man von einem Lehrbuch für Schauspieler sprechen, die gleichzeitig zu Dramaturgen ausgebildet werden sollten. Es erinnert uns an Ratschläge an die Schauspieler in „Hamlet“ (III, 3), oder an das Werk von Diderot (ebenfalls ein Schüler der Jesuiten) „Das Paradox über den Schauspieler“.

Vor uns öffnet sich eine Art der darstellenden Kunst, deren Bühne die Kanzel ist und der Hauptdarsteller der Prediger, der sein Publikum mit immer neuen und faszinierenden Themen fesseln muss. Er appelliert ebenfalls für Natürlichkeit und prangert dabei gekünsteltes Gehabe an.

Nicht zuletzt spricht Vieira über das für ihn wichtigste Problem überhaupt: den Mut des Predigers bei der Erwähnung der Wahrheit. Dies sollte die Richtlinien der Predigkunst orientieren. Er expliziert, dass die Wahrheit nicht immer angenehm zu hören ist. Trotzdem hat der Prediger die Verantwortung die Wahrheit zu verkünden, selbst wenn damit gewisse Risiken implizit sind.


“[...] A pregação que frutifica, a pregação que aproveita, não é aquela que dá gosto ao ouvinte, é aquela que lhe dá pena. [...]”
(Ibid, S. 104)
Für ihn ist ein Prediger, durch den Gehalt der signifikanten Substanz, die er transportiert, eine Art Prophet und als solcher hat er in erster Linie die Pflicht, nicht den Machthabern zu schmeicheln oder angenehme Dinge den Zuhörern zu sagen, sondern die Wahrheit zu beschreiben wie sie ist, ohne jegliche Verschönung. Nur sie ist wahrhaftig erbauend.

Wenngleich er in einer Epoche lebte, in der der Aristotelismus und die scholastische Philosophie, die Landschaft des europäischen Denkens beherrschte, ist seine Denkweise wahrhaftig modern.16. Vieira unterstreicht die Bedeutung der Erfahrung gegenüber der Leere der aristotelischen philosophischen deduktiven Spekulation und priorisiert stattdessen die Erfahrung als den besten Weg zum Wissen.

Konträr gegen den Autoritätskult äußerte Vieira bereits in einer versteckten Kritik am Heiligen Thomas von Aquin seine Zweifel am dogmatischen Denken:
“[...] porque até entre os anjos pode haver variedade de opiniões, sem menoscabo de sua sabedoria, nem de sua santidade; e para que acabe de entender o mundo, que ainda que algumas opiniões sejam angélicas, nem por isso são menos angélicas as contrárias.”
„Sermão da sexta Sexta-feira de Quaresma“, 1662, Königl. Kapelle, Lissabon, (in Sermões, Band 2 [IV-V-VI], S. 220)
Seine empirische Haltung und seine philosophische Posture lassen keinen Raum für Spekulationen über seine Aufrichtigkeit und Modernität.

In vielen Aspekten der Philosophie ist er ein Vorreiter. Zum Beispiel in der Predigt „Sermão da Quinta Quarta-feira da Quaresma“ behauptet er noch vor Pascal, dass die Menschen oft nicht durch Vernunft agieren, sondern sich von Leidenschaften leiten lassen:


“[...] A paixão é a que erra, a paixão a que os engana, a paixão a que lhes perturba e troca as espécies, para que vejam umas coisas por outras. [...] Os olhos vêm pelo coração, e assim como quem vê por vidros de diversas cores, todas as coisas lhe parecem daquela cor, assim as vistas se tingem dos mesmos humores, de que estão, bem ou mal, afetos os corações”.
„Sermão de Quinta Quarta-Feira da Quaresma“, 1669, Kirche der Barmherzigkeit, Lissabon, (in Sermões, Band 2 [Vol. IV-V-VI], S. 111)
In der Psychologie erwähnt er lange vor Freud eine Theorie über die Träume, wonach er die Auffassung vertritt, dass der Traum eine Konsequenz der Wünsche des Individuums ist; Freud wird dies später mit der Psychoanalytischen Symboltheorie ergänzen:
“[...] Os sonhos são uma pintura muda, em que a imaginação a portas fechadas, e às escuras, retrata a vida e a alma de cada um, com as cores das suas ações, dos seus propósitos, e dos seus desejos.”
“Sermões Consagrados à glorificação de S. Francisco Xavier: Xavier Dormindo”, Prefação aos três sonhos, (in Sermões, Band V [Vol. XIII-XIV-XV], S. 42.
Furchtlos geht er ebenfalls auf ein Thema ein, welches der biblischen Tradition widerspricht und behauptet, ein Jahrhundert früher als der französische Naturforscher Buffon, in der Predigt “Sermão da Epifania”, dass das Klima eine wesentliche Wirkung auf die unterschiedlichen Hautfarben hat:
“a causa desta cor é o sol [...] As nações, umas são mais brancas, outras mais pretas, porque umas estão mais vizinhas, outras mais remotas do sol [...] Cristo que é Senhor dos senhores [...] quis-nos ensinar que os homens de qualquer cor, todos são iguais por natureza [...]”
Sermão da Epifania”, 1662, Königliche Kapelle, Lissabon, (in Sermões, Band I [Vol. I-II-III], S. 454.
Er wusste bereits aus seiner Beobachtung der Länder und Leute, die er kennen gelernt hatte, dass alle Menschen ursprünglich von einer „Art“ abstammten, da alle Menschen miteinander fortpflanzungsfähige Nachkommen schaffen können, und nur durch die Wanderungen der Völker in unterschiedliche Lebensräume unterschiedliche Merkmale entstanden sind.

Dies sind nur einige Aspekte, die ihn als herausragenden und fortschrittlichen Denker auszeichnen. Vieira war ein Menschenrechtler und predigte gegen die Ausbeutung der Schwarzen und Indios, womit er verständlicherweise die weißen Siedler brüskierte. Ebenfalls übernimmt er trotz aller Risiken die Verteidigung der Interessen portugiesischer Juden und Neu-Christen. Er war im Grunde ein aktiver Gestalter des Kosmopolitismus innerhalb der Parameter seiner Zeit und irgendwie auch ein Theatermann.


Bibliographie
Primärliteratur
Vieira, António, (1925). “Carta I: Ao Geral da Companhia de Jesus, 1626 – Setembro 30”, in “Cartas de António Vieira”. Koordinierung und Notierung von J. Lúcio de Azevedo, Band I, Lisboa: Imprensa Nacional/Casa da Moeda.

Vieira, António, (1993). „Sermões“. Leitung und Vorwort von Pater Gonçalo Alves, in fünf Bänden, Porto: Lello & Irmão – Editores.
Sekundärliteratur
Azevedo, J. Lúcio de, (1992). “História de António Vieira”. Colecção Obras Completas de Lúcio de Azevedo, Band I, 3. Auflage, Lisboa: Clássica Editora.

Besselaar, José Van Den, (1981). „António Vieira – o homem, a obra as ideias“. Ministério de Educação e Cultura, Lisboa: Instituto de Cultura e Língua Portuguesa.

Besselaar, J. van den, (1986). “As Trovas do Bandarra”. In Revista ICALP, Nr. 4, Março de 1986, S. 14-30.

Carvalho, José Adriano de F. (1993). “Um profeta de corte na Corte: o caso (1562-1576) de Simão Gomes, o Sapateiro Santo (1516-1576)”. Porto, Zeitschrift der Faculdade de Letras, S. 233-260. Sonderdruck der Revista da Faculdade de Letras, Sprachen und Literaturen, Anhang V, “Espiritualidade e Corte em Portugal, sécs.XVI-XVIII”, Porto, 1993.

Cidade, Hernâni, (1973). „Vieira à luz dum recente estudo de António José Saraiva“. Nr. 12, Mars 1973, Lisboa: Colóquio / Letras.

Coutinho, Afrânio, (1955). „António Vieira”, in “A Literatura no Brasil”. Band I, S. 323-360, Leitung A. Coutinho, Rio de Janeiro: Editorial Sul Americana Distribuidora – Livraria São José.

Coutinho, Afrânio, (1955). „Do Barroco ao Rococó”, in “A Literatura no Brasil”. Band I, S. 195-259, Leitung A. Coutinho, Rio de Janeiro: Editorial Sul Americana Distribuidora – Livraria São José.

Fernandes, M. Correia, (1998). „A Ironia e o humor em alguns Sermões do Padre António Vieira”. Nr. 147, Oktober, Braga: Brotéria.

Flasche, Hans, (1984). „Formas de espressão irónica nos Sermões do P.e António Vieira”. In “Umgangssprache in der Iberoromania”, Festschrift für Heinz Kröll, Hg. Günther Holtus und Edgar Radke, Tübingen: Gunter Narr Verlag.

Mendes, Margarida Vieira, (1987). “Sermões do Padre António Vieira, Apresentação crítica, selecção, notas e sugestões para análise literária”. Lisboa: Editorial Comunicação.

Mendes, Margarida Vieira, (1989). “A oratória barroca de Vieira”. Lisboa: Editorial Caminho.

Mendes, Margarid Vieira, (1989). „Estética e memória no Padre António Vieira”, in “Colóquio / Letras”. Julho-Outubro 1989, Nr. 110-111.

Mendes, Margarida Vieira, (1997). „Chave dos Profetas: a edição em curso”, in Vieira escritor. Lisboa: Cosmos.

Rodrigues, Adriano V. und Rodrigues, Maria da Assunção C., (1987). “As Trovas do Bandarra: suas influências judaico-cabalísticas na mística da Paz Universal”. In Revista de Ciências Históricas, Universidade Portugalense - Porto, S. 185 – 221.

Sérgio, António, (1937). In Prefácio zu “Sôbre as verdadeiras e as falsas riquezas”. Textos Literários / Autores Portugueses, Lisboa, S. XXIV.

Sérgio, António, (1973). „Salada de conjecturas a propósito de dois jesuitas”, in “Ensaios”. Band V, Lisboa: Sá da Costa.

Siepmann, Helmut, (2003). “Kleine Geschichte der portugiesischen Literatur”. München: Verlag C.H. Beck.


1 Besselaar, José Van Den, (1981). „António Vieira – o homem, a obra as ideias“. Ministério de Educação e Cultura, Lisboa: Instituto de Cultura e Língua Portuguesa, S. 13.

2 Carvalho, José Adriano de F. (1993). “Um profeta de corte na Corte: o caso (1562-1576) de Simão Gomes, o Sapateiro Santo (1516-1576)”. Porto, Zeitschrift der Faculdade de Letras, S. 233-260. Sonderdruck der Revista da Faculdade de Letras, Sprachen und Literaturen, Anhang V, “Espiritualidade e Corte em Portugal, sécs.XVI-XVIII”, Porto, 1993. Siehe auch Besselaar, J. van den - As Trovas do Bandarra. Revista ICALP, vol. 4, Março de 1986, 14-30; Adriano V. Rodrigues e Maria da Assunção C. Rodrigues “As Trovas do Bandarra: suas influências judaico-cabalísticas na mística da Paz Universal” in Revista de Ciências Históricas, Universidade Portugalense - Porto, 1987 S. 185 – 221; João Lúcio de Azevedo, A Evolução do Sebastianismo. Lisboa, 1984, S. 105- 111.

3 Ab jetzt werden verschiedene Beispiele aus seiner Predigtkunst zitiert. Unter der Bezeichnung „Sermões“ ist folgende Auflage gemeint: 1993, Leitung und Vorwort von Pater Gonçalo Alves, in fünf Bänden, Porto: Lello & Irmão – Editores.

4 Caramuel, (1654). „Metalogica disputationes de logicae essentia, proprietatibus et operationibus continens“. Band X, Frankfurt, S. 46, zitiert von Azevedo, 1992: 31.

5 Mendes, Margarida Vieira, (1997). „Chave dos Profetas: a edição em curso”, in Vieira escritor. Lisboa: Cosmos, S. 31-39

6 Mendes, Margarida Vieira, (1989). “A oratória barroca de Vieira”. Lisboa: Editorial Caminho, S. 16-17.

7 Als Antwort auf die Unabhängigkeitserklärung von 1581 schloss Felipe II. alle portugiesischen und spanischen Häfen für holländische Schiffe. Diese Maßnahme war ein harter Schlag für die holländische Wirtschaft, die den Transport, die Raffinierung und den Verkauf des brasilianischen Zuckers in Europa kontrollierte. Um dieses Hindernis zu beseitigen, gründen die holländischen Kaufleute 1621 mit dem Ziel der Eroberung von Absatzmärkten im Nordosten Brasiliens (Bahia und Pernambuco) die Vereinigte Westindische Companie.

8 Vieira, António, (1925). “Carta I: Ao Geral da Companhia de Jesus, 1626 – Setembro 30”, in “Cartas de António Vieira”. Koordinierung und Notierung von J. Lúcio de Azevedo, Band I, Lisboa: Imprensa Nacional/Casa da Moeda.

9 Nach den zwei Jahren des Noviziats legt Vieira sein Armuts-, Gehorsamkeits- und Keuschheitsgelübde ab und beginnt mit der pädagogischen Ausbildung, welche alle Kandidaten absolvieren müssen. 1627 unterrichtet er Rhetorik im jesuitischen Colleg von Olinda. Aber schon bald wird er von seinen Oberen nach Bahia zurückbeordert.

10 Dadurch entstanden ein Grundcurriculum und allgemeine pädagogische Prinzipien für alle Collegs des Ordens. Das 'Ratio Studiorum' der Jesuiten, indem ein System in ihren Collegs eingeführt hat, schuf das erste einheitliche pädagogische System in Europa. Diese strukturierte Normen und Strategien der pädagogischen Methode der Jesuiten hatten als oberstes Ziel die vollständige Ausbildung des christlichen Menschen, natürlich innerhalb der kulturellen Parameter der damaligen Zeit.

11 Jackobson, R. und Picchio, L. S., (1968). Os oxímoros dialécticos de Fernando Pessoa”, Langanges, Nr. 12, zitiert von Fernandes, M. Correia, (1998). „A Ironia e o humor em alguns Sermões do Padre António Vieira”. Brotéria u, Vol. 147, Oktober, Brga, S. 281.

12 Siehe auch: Flasche, Hans, (1984). „Formas de espressão irónica nos Sermões do P.e António Vieira”. In “Umgangssprache in der Iberoromania”, Festschrift für Heinz Kröll, Hg. Günther Holtus und Edgar Radke, Tübingen: Gunter Narr Verlag, S. 147.

13 Siepmann, Helmut, (2003). “Kleine Geschichte der portugiesischen Literatur”. München: Verlag C.H. Beck, S. 79.

14 Sérgio, António, (1937). In Prefácio zu “Sôbre as verdadeiras e as falsas riquezas”. Textos Literários / Autores Portugueses, Lisboa, S. XXIV.

15 Mendes, Margarid Vieira, (1989). „Estética e memória no Padre António Vieira”, in “Colóquio / Letras”. Julho-Outubro 1989, Nr. 110-111, S. 26.

16 Lins, Ivan, (1966). “Aspectos do Pe. Antônio Vieira”. 3. Auflage, Rio de Janeiro: Edição de Ouro; Lins, Ivan, (1956). “O Padre Antônio Vieira e a 'História das Idéias no Brasil' do Prof. Cruz Costa”. Revista de História Nr. 13, S. 149-175, São Paulo.


Compartilhe com seus amigos:


©ensaio.org 2017
enviar mensagem

    Página principal